~ Was ist eigentlich Borderline? ~
Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung
vom Borderline-Typus
Geschichte des Störungsbegriffs
Das Störungsbild verzeichnet
eine lange Historie des Wandels von Begrifflichkeit und Störungsverständnis. Der
Begriff Borderline wurde erstmals 1938 von Adolf Stern geprägt
(Stern 1938).
Er basiert auf einem von Freud entwickelten psychoanalytischen Grundverständnis,
das ein Kontinuum zwischen neurotischen und psychotischen Störungen annimmt. Der
Terminus "Borderline" meinte damit eine unscharfe und fluktuierende "Grenzlinie"
zwischen diesen beiden Zuständen, also eine Art Übergangsbereich von der Neurose
zur Psychose. Die moderne operationalisierte Diagnostik hat die
theoriegeleiteten entwicklungspsychologsichen Konzepte abgelöst und basiert auf
beobachtbaren Erlebens- und Verhaltensmustern. Die Aufnahme der
Borderline-Persönlichkeitsstörung in das DSM-III
(APA 1980)
basierte weitgehend auf einer viel zitierten Übersichtsarbeit aus dem Jahr 1975
von Gunderson und Singer (Gunderson & Singer 1975).
In dieser Arbeit postulierten die Autoren fünf mutmaßliche Dimensionen, die das
Störungsbild auf phänomenologischer, deskriptiver Ebene abbildeten:
dysphorische Affekte, impulsive Handlungen, zwischenmenschliche Beziehungen,
psychoseähnliche Kognitionen und Anpassungsstörungen im sozialen Bereich. Anhand
von Faktorenanalysen wurden von Gunderson et al. (Gunderson & Kolb 1978)
sieben Kriterien ermittelt, die Patienten mit Borderline-Störungen mit 81%iger
Wahrscheinlichkeit von klinischen Kontrollgruppen unterscheiden konnten. Spitzer
et al. (Spitzer & Endicott 1979).
fügten zu diesen sieben Kriterien noch das von Kernberg vorgeschlagene Kriterium
der "instabilen Identität" hinzu. Das neunte Kriterium, der vorübergehenden, streßabhängigen
paranoiden, bzw. dissoziativen Symptomatik wurde schließlich im
DSM-IV ergänzt. Das ICD-10 übernahm weitgehend die deskriptive
Sichtweise, ordnete die Borderline-Störung jedoch zusammen mit dem "impulsiven
Typus" der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung unter.
Beschreibung des Störungsbildes
Im Zentrum der
Borderline-Problematik sehen die meisten wissenschaftlich orientierten
Arbeitsgruppen heute eine Störung der Affektregulation (Übersicht: Linehan
2000).
Diese ist gekennzeichnet durch eine niedrige Reizschwelle für interne oder
externe emotionsinduzierende Ereignisse, durch ein hohes Erregungsniveau und
verzögerte Rückbildung auf das emotionale Ausgangsniveau. Die unterschiedlichen
Emotionen werden von den Betroffenen oft nicht differenziert wahrgenommen,
sondern häufig als äußerst quälende, diffuse Spannungszustände erlebt.
Körperwahrnehmungsstörungen, Hypalgesien (Schmerzunempfindlichkeit) und
somatoforme dissoziative Phänomene (Veränderung der Optik, des Geruchs und der
Akustik sowie der Kinästhesie) werden im Zusammenhang mit der Wahrnehmung von
Spannung und Erregung beschrieben. Die in 80% der Fälle auftretenden
selbstschädigenden Verhaltensmuster, wie Schneiden, Brennen, Blutabnehmen, aber
auch aggressive Durchbrüche, können zur Reduktion dieser aversiven
Spannungszustände führen, was im Sinne der instrumentellen Konditionierung als
negative Verstärkung zu werten ist (Kemperman, Russ, et al. 1997).
Neben dieser Gruppe von
Patientinnen, die Selbstschädigungen einsetzen, um sich wieder zu spüren oder
Spannungszustände zu reduzieren, gibt es eine zweite Gruppe, die berichtet, nach
Selbstschädigung Euphorisierung zu erleben
(Bohus 2000).
Viele dieser Patientinnen schneiden sich daher ausgesprochen häufig, z.T.
täglich, und zeichnen sich auch sonst durch ein 'Hochrisikoverhalten'
aus. Sie balancieren zum Beispiel auf Brückengeländern und Hochhausdächern,
rasen auf der Autobahnen oder verweilen ohne suizidale Absicht auf Bahngleisen.
Im zwischenmenschlichen Bereich dominieren Schwierigkeiten in der
Regulation von Nähe und Distanz. Beherrscht von einer intensiven Angst vor dem
Alleinsein und einer schlecht ausgeprägten intrapsychischen Repräsentanz
wichtiger Bezugspersonen, verwechseln sie häufig Abwesenheit mit manifester
Verlassenheit und versuchen daher, wichtige Bezugspersonen permanent an sich zu
binden. Andererseits induziert gerade die Wahrnehmung von Nähe und Geborgenheit
ein hohes Maß an Angst, Schuld oder Scham. Langwierige, schwierige Beziehungen
mit häufigen Trennungs- und Wiederannäherungsprozessen sind die Folge. Diese
zeitgleiche Aktivierung konträrer Grundannahmen und Schemata scheint eines der
auffälligsten Verhaltensmuster bei Borderline-Patientinnen zu sein. So aktiviert
etwa das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Geborgenheit die Selbstwahrnehmung,
gewalttätig und zerstörerisch zu sein. Das Bedürfnis nach Macht, Unabhängigkeit
und Autonomie sorgt für einen 'Hunger'
nach bedingungsloser Zuwendung und Liebe, die Wahrnehmung eigener sexueller Lust
aktiviert massive autodestruktive Bedürfnisse, das Gefühl, jemandem vertrauen zu
können, schlägt um in die sichere Erwartung einer traumatisierenden
Grenzüberschreitung. Stolz, also die Wahrnehmung, etwas geleistet zu haben, was
den inneren Normen entspricht, löst Scham aus und damit die Befürchtung, daß die
eigene Minderwertigkeit sichtbar werde.
Als weitere klinische Auffälligkeit kann
'passive Aktivität' beschrieben
werden, also die Tendenz, durch Demonstration von Hilflosigkeit und Leid
Unterstützung zu erlangen und Kontakte aufzunehmen. Getrieben von der
Vorstellung, 'wenn das Gegenüber
tatsächlich wahrnehmen würde, wie schlecht es mir geht, hätte es auch die Macht
dazu, mein Befinden erheblich zu verbessern.'
Konsequenterweise führt eine Aggravierung von demonstrativ hilflosen
Verhaltensmustern zu einer Überlastung der Sozialkontakte und damit öffnet sich
der Weg in sozialpsychiatrische Versorgungssysteme.
Die ausgeprägten dissoziativen Phänomene sind häufig nicht mehr an konkrete Auslöser
gekoppelt, sondern generalisiert. Die mangelhafte Wahrnehmung der eigenen
Emotionen, Verzerrung des Raum-Zeit-Gefühls, ein ausgeprägtes Gefühl von
Fremdheit und vor allem der Kontrollverlust über die Realität charakterisieren
diese Phasen. Hinzu kommen häufig Flashbacks, d.h. szenisches Wiedererleben von
traumatisierenden Ereignissen, die zwar kognitiv der Vergangenheit zugeordnet
werden, emotional jedoch als real erlebt werden. Nicht selten werden diese
Flashbacks, die über Stunden und Tage anhalten können, vom klinisch Unerfahrenen
als psychotisches Erleben fehldiagnostiziert. Auch Alpträume sowie ausgeprägte
Ein- und Durchschlafstörungen belasten das Allgemeinbefinden und tragen zur
emotionalen Destabilisierung bei. Alkohol- und Drogenmißbrauch, Eßstörungen,
Vernachlässigung von körperlicher Bewegung sowie Pflege eventueller somatischer
Erkrankungen korrespondieren häufig mit vielfältigen sozialen Problemen, wie
inadäquate Ausbildung und Arbeitslosigkeit.
Diagnostik
Wie im gesamten Bereich der
Persönlichkeitsstörungen gilt auch für die Borderline-Störung das IPDE
(International Personality Disorder Examination) (Loranger
1999) als Instrument der Wahl. Es integriert die Kriterien des DSM-IV und der
ICD-10. Dabei handelt sich um ein strukturiertes Experten-Interview. Die
Interrater- und Test-Retest-Reliabilität gilt als gut und ist unstrukturierten
klinischen Interviews deutlich überlegen (k= .68 - .96 für
Interrater-Reliabilität; k= .4 - .8 für Test-Retest-Reliabilität). Neben diesem
Instrument wurden in den letzten Jahren eine Vielzahl an Instrumenten zur
spezifischen Erfassung der BPS entwickelt (Übersicht: Bohus,
Stieglitz, et al. 1999).
Internationaler wissenschaftlicher Standart ist derzeit das Diagnostische
Interview für das Borderline-Syndrom - Revidierte Fassung (DIB-R; Zanarini, Gunderson, et al. 1989).
Epidemiologische Daten zur Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Punktprävalenz der
Borderline-Störung, also die Häufigkeit der Störung zu einem definierten
Zeitpunkt in der Allgemeinbevölkerung, wird mit Zahlen zwischen 0,8% und 2%
angegeben (Übersicht: Stone 2000).
Merikangas und Weissman (Merikangas
1986) schätzen die Prävalenz der Borderline-Störung in Bevölkerungsstudien vor 1980
auf 1,7% bis 2%. 1990 führten Swartz et al. an 1541 Einwohnern in der Gegend der
Duke University in North Carolina eine DSM-III-basierte Studie durch und fanden
eine Prävalenz von 1,8% (Swartz, Blazer, et al. 1990).
Die Arbeitsgruppe untersuchte Personen zwischen 18 und 55 Jahren, also die
Altersspanne, in der sich die BPS primär manifestiert, so daß die Prävalenz in
der Gesamtbevölkerung geringer ausfallen dürfte. Auch Reich et al. (Reich, Yates, et al. 1989)
ermittelten in einer Studie an 235 Einwohnern eine Prävalenz von 2,1%, wobei die
Fallzahl sicherlich zu niedrig ist, um repräsentative Aussagen machen zu können.
Eine Untersuchung von Maier et al. (Maier, Lichtermann, et al. 1992),
die in der BRD auf DSM-III-R-Basis durchgeführt wurde, erfaßte eine Stichprobe
von 447 Personen und ihren Verwandten aus zufällig ausgewählten Familien und
fand eine Prävalenzrate für BPS von 1,2%. Eine aktuelle, groß angelegte
epidemiologische Feldstudie in Norwegen findet eine Punktprävalenz von 0,8% (Torgersen 1998).
Über 80% dieser Betroffenen befinden sich in psychiatrisch /
psychotherapeutischer Behandlung. Etwa 70% der Betroffenen sind Frauen
(Widiger & Weissman 1991).
Auch diese Zahl ist sicherlich kritisch zu interpretieren, da die Untersuchungen
zur Geschlechterprävalenz an Personen durchgeführt wurden, die sich in
psychiatrisch / psychotherapeutischer Behandlung befanden.
Differentialdiagnose und Komorbidität
Gegenwärtig liegen 15 Studien vor, die zeitgleich Achse I- und Achse II-Störungen des DSM III-R mittels
operationalisierter Meßinstrumente erfaßten. Die methodisch sorgfältigste
Untersuchung stammt von Zanarini (Zanarini, Gunderson, et al. 1989):
von 379 Patientinnen und Patienten mit einer nach DIB-R und DSM-III-R
diagnostizierten BPS wurde im Langzeitverlauf bei 96% die Diagnose
einer depressiven Erkrankung diagnostiziert. 88,5% litten an Angststörung, 64%
an Substanzmißbrauch oder -abhängigkeit und 53% an einer zusätzlichen Eßstörung.
Die Komorbidität mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis ist mit 1%
äußerst selten. Wie die meisten spezifischen Persönlichkeitsstörungen auch,
erfüllen Borderline-Patienten häufig zeitgleich die Kriterien für andere
Persönlichkeitsstörungen. Im Vordergrund stehen dabei die "dependenten
Persönlichkeitsstörungen" (50%), sowie "ängstlich vermeidende
Persönlichkeitsstörungen" (40%)
(Zanarini, Frankenburg, et al. 1998)
Verlauf und Prognose
Umstritten ist das durchschnittliche Alter bei Erstmanifestation. Eigene Untersuchungen
(Jerschke 1998) fanden eine bimodale Verteilung: eine große Gruppe zeigte bereits im Alter von
14 Jahren Verhaltensauffälligkeiten (Essstörung, Selbstschädigung,
Suizidversuche, Auffälligkeiten des Sozialverhaltens, affektive Störung), die
einer stationären Behandlung bedurften, während eine zweite Gruppe im Mittel mit
24 Jahren erstmals stationär behandelt wurde. Unbehandelt kann die Prognose als
äußerst ungünstig bezeichnet werden. Die Suizidrate liegt bei 5-10%
(Frances, Fyer, et al. 1986.
Langzeitkatamnesen, z.T. über 15 Jahre, geben etwa 9% Suizide an
(Stone 1987).
Als Risikofaktoren für vollendete Suizide werden impulsive
Handlungsmuster, höheres Lebensalter, Depressionen, komorbide antisoziale
Persönlichkeitsstörung sowie frühkindlicher Mißbrauch benannt
(Soloff, Lis, et al. 1994)(Brodsky, Malone, et al. 1997). Eine Untersuchung von
Cowdry et al. (Cowdry, Pickar, et al. 1985)
zeigte, daß 50% aller Borderline-Patienten mit vollendetem Suizid zuvor bereits
Suizidversuche unternommen hatten. Auch Selbstverletzungen gelten als
Risikofaktor für vollendete Suizide
(Shearer, Peters, et al. 1988)
(Quelle:www.borderline-online.de ; mit
freundlicher Genehmigung)
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