~ DSM IV (301.83)~
DSM-IV ist die Abkürzung für die vierte Ausgabe des Diagnostic and
Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches
Handbuch Psychischer Störungen).
Dieses Klassifikationssystem wurde von der American Psychiatric
Association (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung) das erste mal in
den USA herausgegeben. Seither gab es auch Ausgaben in anderen Ländern,
seit 1996 z. B. gibt es die deutsche Publikation des DSM 4 (DSM IV).
Das DSM 4 ist im Gegensatz zum ICD 10 ein nationales
Klassifikationssystem. Es muss daher nicht die zahlreichen Kompromisse und
Ergänzungen des ICD 10 berücksichtigen und beinhaltet speziellere und
genauere diagnostische Kriterien. Das macht es für die Forschung sehr
interessant. Das ICD 10 hingegen setzt seinen Schwerpunkt intensiver auf
die interkulturelle Perspektive und die Anwendbarkeit vor allem auch in
den Ländern der Dritten Welt.
Ein tief greifendes Muster von Instabilität in
zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten
sowie von deutlicher Impulsivität prägen dieses Störungsbild. Der
Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und manifestiert sich in den
verschiedenen Lebensbereichen.
Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:
- Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes
Verlassenwerden zu vermeiden. Beachte: Hier
werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen
berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.
Erläuterung: Die Fähigkeit, allein sein zu
können, ist von der inneren Sicherheit abhängig. Dabei spielt die
Fähigkeit eine Rolle, die nicht anwesenden Personen "im Herzen zu
tragen". Häufig geschieht das mit Hilfe von Übergangsobjekten
(etwa Bilder, Erinnerungen, Erwartungen). Gelingt die Ausbildung
dieser "inneren Objekte" nicht, stellt sich ein Gefühl der
Einsamkeit ein.
- Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher
Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der
Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
Erläuterung: Zwischenmenschliche Bindungen
entwickeln sich im Spannungsfeld von Sicherheit und Entwicklung.
Beziehungen folgen damit immer einer Dialektik, also einer Abfolge
von Widersprüchen. Damit wird die Lebendigkeit der Bindung
erhalten. Bindungen sind auch unterschiedlich intensiv, abhängig
davon, welche Funktion diese Bindung hat. Die Kontinuität von
Bindungen ist von der grundsätzlichen Akzeptanz der oben erwähnten
Dialektik abhängig, denn in jeder Beziehung tauchen nach einiger
Zeit Widersprüche und Störungen auf. Diese Störungen können dann
nur durch "Verhandlungen" aufgelöst werden, womit die Beziehung
dann immer wieder neu definiert werden muss.
- Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des
Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
Erläuterung: Die Identität bildet sich im jungen
Erwachsenenalter aus und ist das Ergebnis von Suche und
Entscheidung. Die Identität ist eng verbunden mit dem Selbstbild.
Das Selbstbild setzt sich aus einer Stellungnahme (so bin ich) und
einer Bezugnahme (im Verhältnis zu anderen) zusammen. Das
Selbstbild ist ständigen Veränderungen unterworfen, wobei ein
Gefühl der Sicherheit (Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen)
Grundlage dafür ist, dass Entwicklungsschritte vollzogen werden
können (Selbstfindung).
- Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden
Bereichen (Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch,
rücksichtsloses Fahren, "Fressanfälle" etc.). Beachte: Hier werden
ebenfalls keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen
berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.
Erläuterung: Die Seele produziert fortlaufend
Impulse, von denen nur ein Teil mit Hilfe eines Motiv in
sinnvolles Handeln umgesetzt werden kann. Andere Impulse müssen
hingegen kontrolliert und sicherlich auch abgewehrt werden.
Gelingt die Kontrolle nicht, dann können unnütze oder gar
gefährlich Impulse nicht unterdrückt werden. Eine
Impulskontrollstörung ist dann die Folge. Impulshandlungen haben
eine große Chance, wieder aufzutreten, wenn mit der Handlung der
Abbau innerer Spannung gelingt, etwa durch Substanzmissbrauch.
Hier besteht die Gefahr, dass die Handlung damit »konditioniert«
wird, also immer wahrscheinlicher wird und zunehmend eintritt.
- Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder
-drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
Erläuterung: Wiederholte Suizidgedanken und
suizidale Handlungen sind ein großes Problem für Betroffene, zumal
sich diese Gedanken häufig insbesondere in Stress-Situationen
passiv aufdrängen. Sie heften sich dabei oft an innere
Spannungszustände, wobei die Vorstellung entsteht, dass dieser
Spannung nur durch den Suizid entgangen werden kann. Ähnliches
gilt für das selbstverletzende Verhalten. Viele Betroffene
berichten, dass allein dadurch die Reduktion innerer Spannungen
gelingt. Dies kann dann fast den Charakter einer Sucht bekommen.
Die Selbstverletzungen sind weniger mit dem Erleben von Schmerzen
verbunden als vielmehr mit einem Gefühl der Erleichterung. Die
Wirksamkeit des selbstverletzenden Verhaltens hängt stark mit der
Ausschüttung körpereigener Morphine (die so genannten Endomorphine)
zusammen.
Ein Problem des selbstverletzenden Verhaltens ist das dabei
entwickelte Schamgefühl, denn häufig treffen diese
Verhaltensweisen bei den Betroffenen selbst, aber auch bei anderen
auf Ablehnung. Das Schamgefühl kann dann zur Folge habe, dass die
Konsequenzen verborgen werden. Die Verstärkung des Gefühls der
Einsamkeit ist wiederum die Folge.
- Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität
der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie
(Freudlosigkeit), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese
Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als
einige Tage andauern).
Erläuterung: Stimmungswechsel sind bei Menschen
die Regel, wobei immer innere und äußere Bedingungen die Stimmung
prägen. Instabiltät der Stimmung, insbesondere dann, wenn die
Gründe für die Stimmungswechsel nicht erkennbar sind, führen
jedoch zu einer weitreichen Verunsicherung.
Beispiel: Welche Anzeichen der Störung nehmen Sie
an sich wahr und wo?
Vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Ich fühle mich schnell
angegriffen, selbst bei Lapalien, und werde aggressiv. Ich habe
kein Ziel für mein Leben und fühle mich oft so verzweifelt, dass
ich lieber tot wäre. Habe so schlimme seelische Schmerzen, dass
ich oft denke, ich kann nicht mehr. Will dann nur noch, dass es
vorbeigeht und endlich aufhört, kann während der Zeit nicht normal
funktionieren. Ich habe so viele Widersprüche in mir und so
ambivalente Gefühle. dieses Chaos kann ich nicht beherrschen.
Diese inneren Kämpfe sind schlimm.
- Chronische Gefühle von Leere.
Erläuterung: Das Erleben resultiert immer aus
inneren und äußeren Reizen. Ein Vehikel innerer Reize ist die
Erinnerung, die ja im Grunde eine Form der Erzählung ist. Die
Erinnerung ruft aber auch die Emotionen zurück, die mit der
Erinnerung verbunden sind. Problematisch sind daher Erinnerungen,
die mit negativen Gefühlen gekoppelt sind. Um sich davor zu
schützen, schalten viele Betroffenen die inneren Reize aus und
werden damit um so abhängiger von äußeren Reizen.
- Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu
kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut,
wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
Erläuterung: In der ICD-10 wird diese Form der
Impulisivität als eigenständiges Problem gesehen. Emotionen
spielen im Umgang mit anderen eine sehr große Rolle. Sie haben
dabei den Charakter von Grundeinstellungen und
Ergebniserwartungen. Sie helfen in der Regel dabei, auf
Situationen angemessen und zielgerichtet zur reagieren, weil durch
Emotionen Verhaltensprogramme aktiviert werden, die eine schnelle
und sichere Reaktion ermöglichen. Angst beispielsweise
signalisiert Gefahr, Wut Kampfbereitschaft etc. Emotionen sind
aber nur dann hilfreich, wenn sie passen und angemessen sind, weil
sonst erhebliche Störungen in den sozialen Beziehungen folgen.
- Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide
Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
Erläuterung: Die Borderline-Störung ist
sicherlich keine Variante der paranoiden Psychose! Trotzdem treten
im Rahmen dieser Störung gehäuft paranoide Symptome auf. Damit ist
eine Wahrnehmung gemeint, bei der eine Vielzahl von Reizen der
Umgebung in einer bestimmten Form auf die eigene Person bezogen
werden. Einfache Formen solchen Denkens sind etwa Ideen wie "Alle
haben etwas gegen mich", "Ich werde von den anderen sehr kritisch
beobachtet" etc. Verstärken sich solche Befürchtungen, so können
Ideen wachsen wie "Man sieht mir meine Störung an, die anderen
wollen mir Übles oder verfolgen mich" etc. Dissoziative Symptome
sind mit Einschränkungen als Tagträume zu umschreiben. Dabei kann
die Realitätskontrolle abhanden kommen.
In der ICD-10 wird entgegen den Kriterien des DSM IV mehr die
emotionale Instabilität in der Vordergrund geschoben. Der
Oberbegriff lautet entsprechend auch "emotional instabile
Persönlichkeit". Hierunter wird dann ein Borderline-Typ von einem
impulsiven Typ unterschieden. Letzteres markiert den Übergang zu
anderen Formen der Instabilität, wie etwa Reizbarkeit, Verwicklung
in aggressive Auseinandersetzungen, Neigung zu Impulsdurchbrüchen
und Ähnliches.
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