~ Symptome ~

 

Auf klinischer Ebene lässt sich die weit gefächerte Symptomatik von Patientinnen und Patienten mit Borderline - Persönlichkeitsstörungen in fünf Problembereiche gliedern:

 

  • Problembereich Affektregulation

  • Problembereich Selbstbild

  • Problembereich psychosoziale Integration

  • Problembereich kognitive Funktionsfähigkeit

  • Problembereich Verhaltensebene

Problembereich Affektregulation bei Borderline-Störung

Menschen mit einer Borderline-Störung haben große Probleme, ihre Affekte (Gemütszustände) zu regulieren. Sie haben eine niedrige Reizschwelle, das heißt, dass sie ausgelöst durch alle möglichen Ursachen mehrmals täglich schnell ein sehr hohes Erregungsniveau erreichen, was sich nur ganz allmählich wieder zurückbildet. Dieses hohe Anspannungsniveau erleben die Betroffenen meist als extrem quälerisch, zumal differenzierte Gefühlswahrnehmungen wie Ärger, Wut und Trauer meist nicht zugeordnet werden können. Viele Menschen mit Borderline-Störung erleben sich von „Emotionen überflutet“, der „Unruhe und Anspannung hilflos ausgeliefert“. Selbstverletzungen, wie zum Beispiel das Ritzen an Armen oder Beinen, werden eingesetzt, um wieder ruhiger zu werden.  

Neben diesen hoch emotionalen Phasen erleben PatientInnen mit Borderline-Störung zudem häufig plötzlich einsetzende Episoden der emotionalen „Taubheit“, also vollständig fehlender Gefühlswahrnehmung, ein Zustand, der ebenfalls als äußerst quälend und unangenehm beschrieben wird (Bohus, M., 2002).  

Problembereich Selbstbild bei Borderline-Störung

Die meisten PatientInnen mit Borderline-Störung schildern eine tiefgreifende Verunsicherung bezüglich der eigenen Identität und Integrität (Unverletzlichkeit), rund 70% beschreiben, dass sie kein sicheres Gefühl dafür hätten, „wer sie wirklich sind“. Etwa die Hälfte erlebt sich als abgeschnitten von sich selbst, als weit entfernt von sich selbst oder empfindet es als äußerst unangenehm, sich selbst ausgeliefert zu sein. Viele lehnen ihren eigenen Körper ab und fühlen sich nicht in ihm zu Hause (Bohus, M., 2002).  

Problembereich psychosoziale Integration bei Borderline-Störung (Bohus, M., 2002):

Viele Borderline-Patientinnen und –Patienten berichten, dass sie bereits seit der Kindheit und Jungend das Gefühl haben „anders zu sein als alle anderen, isoliert und abgeschnitten, einsam, verlassen und unberührt zwischen allen anderen zu sein“ als grundlegende Lebenswahrnehmung. Im zwischenmenschlichen Bereich dominieren insbesondere Schwierigkeiten mit der Regulation von Nähe und Distanz. Die ausgeprägte Angst, verlassen zu werden und eine schlecht ausgeprägte intrapsychische Repräsentanz  (innerpsychische Abbildung) wichtiger Bezugspersonen lässt die PatientInnen mit Borderline-Störung häufig Abwesenheit mit manifester Verlassenheit verwechseln. So versuchen sie einerseits, wichtige Bezugspersonen permanent an sich zu binden, andererseits induziert die Wahrnehmung von Nähe und Geborgenheit ein so hohes Maß an Angst, Schuld und Scham, dass enge Beziehungen meist schnell wieder abgebrochen werden. Daher oszillieren (schwanken) viele Borderline - PatientInnen zwischen häufigen Trennungs- und wieder Annährungsprozessen regelmäßig hin und her (Bohus, M., 2002).  

Problembereich kognitive Funktionsfähigkeit bei Borderline -törung

Ca. 60% der PatientInnen mit einer Borderline - Persönlichkeitsstörung leiden unter einer ausgeprägten dissoziativen (verzerrten) Symptomatik. Diese Phasen sind geprägt von einem Gefühl des Kontrollverlustes über die Realität, von einer verzerrten Raum-Zeit-Wahrnehmung, sowie einer eingeschränkten Wahrnehmung der eigenen Emotionen. Hinzu kommen häufig Flashbacks, dass heißt szenisches Wiedererleben von traumatisierenden Ereignissen, die zwar kognitiv (von der Wahrnehmung her) der Vergangenheit zugeordnet, emotional jedoch als real erlebt werden.

Bei fast 100 % aller Borderline - PatientInnen finden sich magisches und paranoides Denken sowie übertriebener Argwohn.

Die derzeit publizierten Befunde zur neuropsychologischen Leistungsbeeinträchtigung von Borderline - PatientInnen sind weitgehend irrelevant, weil wichtige Variablen wie Dissoziation und innere Anspannung zum Untersuchungszeitpunkt nicht berücksichtigt werden. Derzeit ist also nicht von einer generellen kognitiven Leistungsminderung von Menschen mit Borderline-Störung auszugehen (Bohus, M., 2002).  

Problembereich Verhaltensebene bei Borderline-Störung

70% bis 80% aller PatientInnen mit Borderline-Störung berichten über selbstschädigende Verhaltensmuster in der Vorgeschichte. Dies sind häufig das Selbstzufügen von Schnittverletzungen, Verbrennen mit Zigaretten oder Bügeleisen, Verbrühungen und Verätzungen oder das Zufügen von Stichwunden. Die meisten PatientInnen verletzen sich selber, um aversive (negative) Spannungszustände oder schwer dissoziative Phänomene zu reduzieren. In diesem Sinne sind auch häufig zu beobachtende Störungen des Essverhaltens wie bulimische Attacken oder anorektisches Verhalten zu verstehen.

Weitere häufige problematische Verhaltensmuster von PatientInnen mit Borderline-Störung sind Drogenmissbrauch, pathologisches Kaufverhalten, Zwangshandlungen oder aggressive Durchbrüche (Bohus, M., 2002).